Manchmal steht die Geschichte weder in Büchern noch ragt sie in Form von Denkmälern in den Himmel, sondern wartet geduldig in der Dunkelheit, verborgen unter unseren Füßen. Im geologischen Herzen der Provinz Tarragona haben Fels und Wasser im Laufe der Jahrhunderte ein stilles Steinlabyrinth geformt, das dazu einlädt, in die Ursprünge der Menschheit einzutauchen und sich mit der Natur bis in ihre tiefsten Wurzeln zu verbinden.
Dieses unterirdische Universum entfaltet sich in den Coves de l’Espluga in der Gemeinde L’Espluga de Francolí, die im Jahr 1853 durch reinen Zufall entdeckt wurden. Heute sind sie die siebtlängste Höhle der Welt in Konglomeratgestein und die zweitlängste in Katalonien. Diese Höhlen fungieren als eine Art Zeitkapsel, in der Besucher von Dienstag bis Sonntag einen eindringlichen Rundgang erleben können, der von den ersten altsteinzeitlichen Unterkünften bis zur wilden unterirdischen Quelle des Flusses Francolí reicht.
Der Herzschlag des Gesteins und ein neolithisches Dorf im Miniaturformat
Schon der Name der Gemeinde gibt dir einen Hinweis darauf, was sich dort verbirgt:Er leitet sich vom lateinischen Wort „spelunca“ ab, was „Höhle“ bedeutet. Der Ruhm dieses Ortes reicht weit zurück und lässt sich heute bei einer etwas mehr als einstündigen Führung entdecken. Erwarte keine typischen Vitrinen; hier ist das Museum direkt in den Untergrund integriert. Riesige Projektionen direkt auf die Felswände begleiten dich beim Spazierengehen und erzählen vom Leben der Gemeinschaften, die einst in diesen Schatten lebten. Wenn du wieder ans Tageslicht trittst, geht das Erlebnis draußen weiter – mit der sorgfältig nachgebauten, lebensgroßen Nachbildung einer neolithischen Siedlung.
Im Jahr 2019 enthüllten die Höhlen ihr bestgehütetes Geheimnis: eine beeindruckende Stätte mit Höhlenmalereien, die mehr als 300 Gravuren umfasst, die 37.000 Jahre alt sind. Pferde, Ochsen, Hirsche und abstrakte Symbole schmücken die Wände dieses paläolithischen Heiligtums, das das älteste ist, das bisher in Katalonien entdeckt wurde. Auch wenn diese Galerie nur sehr schwer zugänglich ist und man sie nicht betreten darf, um die Erhaltung der Gravuren zu gewährleisten, kannst du die Schönheit dieses Fundes während des Besuchs dank einer detailreichen audiovisuellen Präsentation genauestens bewundern.
Neoprenanzug und Stirnlampe für die Abenteuerlustigen
Für alle, die den gemütlichen Spaziergang lieber gegen einen Adrenalinkick eintauschen möchten, gibt es eine viel wildere Seite des Geländes: die Abenteuerroute. Ausgestattet mit Neoprenanzug, Helm und Stirnlampe können sich die mutigsten Besucher jenseits der Stege der üblichen Besichtigungstour vorwagen und echte Höhlenforschung betreiben, indem sie zu Fuß das kalte Wasser des unterirdischen Flusses hinaufsteigen, der draußen schließlich das Flussbett des Francolí bildet.
Wenn du dich zu diesem Ausflug entschließt (die Höhlen sind vormittags und nachmittags geöffnet, nur montags geschlossen), bietetdie Region Conca de Barberà jede Menge Gründe, deinen Aufenthalt zu verlängern. Nur wenige Kilometer entfernt erwartet dich das königliche Zisterzienserkloster Santa María de Poblet, das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Diese riesige Anlage, die täglich geöffnet ist, wird noch immer bewohnt und verbirgt zwischen ihren wunderschönen Kreuzgängen und Räumen die königliche Grabstätte der Krone von Aragon.
Zurück in den Straßen von L’Espluga bietet das Museu Terra eine faszinierende und keineswegs nostalgische Reise durch das ländliche Leben. Von Dienstag bis Sonntag regen seine Dioramen und alten Handwerksberufe eine hochaktuelle Debatte über unser Verhältnis zur Umwelt und zur Nachhaltigkeit an. Zum Abschluss kannst du den Tag im Museo Fassina Balanyá ausklingen lassen, einer restaurierten ehemaligen Schnapsbrennerei, in der noch immer die alten Kupferkessel und die Originalmaschinen aus dem 19. Jahrhundert stehen – stumme Zeugen des mächtigen Wirtschaftsmotors, den die Traube in dieser Region einst darstellte.